Kolloquium
Was wäre Fortschritt ohne Ordnung? – Eine philosophische Perspektive
Betrachtet man zwei Zustände in der Welt, lässt sich fragen, ob der Übergang vom einen zum anderen als fortschrittlich bezeichnet werden kann. Dies ist der Fall, wenn der zeitlich spätere Zustand – rückblickend – als „besser“ bewertet wird als der frühere. Der Begriff des Fortschritts benötigt also erstens eine Zeitordnung, die sagt, was „früher“ und „später“ ist. Dies impliziert einen linearen Zeitverlauf und eine festgelegte Richtung der Zeit. Außerdem muss eine „qualitative Ordnung“ der Zustände angenommen werden, Kriterien, anhand derer entschieden werden kann, was „besser“ und was „schlechter“ ist. Es muss jemanden geben, der die Ordnung vornimmt, der feststellt, was früher und was später, was besser und was schlechter ist. Somit ist Fortschritt eine subjektive Bewertung von Zuständen in der Welt anhand von Ordnung in Zeit und Qualität. Schaut man jedoch genauer hin, so ist dies gar nicht so selbstverständlich: Statt einer linearen Zeitordnung, könnte auch eine zirkuläre oder überhaupt nicht geordnete Zeit angenommen werden – ähnlich wie im Fall des Raumes. Das Festlegen der Richtung wird völlig unmöglich, stellt man die Kausalität in Frage. Die qualitative Ordnung ist noch fragwürdiger, sie ändert sich ständig, was wir vor 100 Jahren als „besser“ bezeichnet haben, könnte heute als „schlechter“ gelten. Sie ist alles andere als unabhängig vom Zeitpunkt, an dem wir sie vornehmen. Aber wie werden die Kriterien festgelegt? Muss ein Ziel vorhanden sein? Gibt es unveränderte Ziele und Kriterien? Kann es Fortschritt unabhängig von einem Bewerter geben? Ist ein Fortschrittsbegriff denkbar, der andere Ordnungen verbindet, als zeitliche und „qualitative“? Und was bedeutete das für uns?